Veranstaltungsrückschau

Frühjahrswanderung in die Lommatzscher Pflege

Die Lage des vormaligen Nonnenklosters Heilig Kreuz an der Elbe ist eine besondere. Hier sammelten sich schon zu frühgeschichtlichen Zeiten Menschen, um über den Fluss zu setzen. Der als Kloster-schwebe bezeichnete, flache und strömungsarme Abschnitt zwischen Knorrefelsen und Kloster bot hierfür günstige Voraussetzungen. Aus dem Löshügelland der Lommatzscher Pflege führte eine uralte Wegeverbindung direkt dorthin. Sie kreuzte einen Pfad der unmittelbar am Wasser entlang führte, aber nur saisonal und schwierig benutzbar war. Mit der ersten Meißner Elbbrücke wurde dieses Verkehrskreuz in der 2. Hälfte des 12. Jh. bedeutungslos. Mithin verlor sich auch die Erinnerung, wo sich die Meißner Furt genau befand.

Am 24. März ging eine Gruppe von 33 Wanderern auf Exkursion, um von dort, wo die Furt mit großer Wahrscheinlichkeit gelegen hat, bis nach Pröda in der Lommatzscher Pflege zu gelangen. Über Gasern, jenem Dörfchen, welches Markgraf Dietrich um 1252 dem Kloster als Vorwerk schenkte, lief die Route ins Tal des Jahnabaches und dieses querend nach Jesseritz. Vielerorts war noch der alte Hohlweg erkennbar, in Teilen durch Bruchsteinmauern gesäumt.  Die Steigungen blieben moderat.  Es verwundert nicht, dass solche Strecken militärisch interessant gewesen sind und durch Burgen und Festungen überwacht wurden.

Im Jahr 1086 haben nach Hinweis des Lokalhistorikers Johann Friedrich Ursinus die Böhmen eine solche Burg auf der Anhöhe nordwestlich der Jahnabachfurt errichtet. Es soll sich dabei um das bei dem Dorf Kylab (wohl Keilbusch) gelegene Guozdeck gehandelt haben. Dass es eine Burg oder ein Schloss gegeben hat, daran lassen die Erzählungen der Alten keinen Zweifel. In den historischen Karten gibt es dazu allerdings unterschiedliche Lagevorstellungen. In den Sächsischen Meilenblättern aus der ersten Hälfte des 19. Jh. finden wir die Eintragung „altes Schloss“ in einem Areal, dass mehr in Richtung der „Güldenen Aue“  liegt.  In der geologischen Karte von Sachsen aus dem Jahre 1915 bzw. 1927 ist die Eintragung „Schloss“ dort, wo sie nach strategischen Gründen sehr sinnvoll gewesen wäre und der Angabe des Ursinus entspricht. Heute ist an dieser Stelle eine Neuanpflanzung von Birken und anderen Laubbäumen, begrenzt durch Ginsterbüsche. Man könnte meinen, die Ginster hätten Flächen eingefasst, die sich durch Mauerzüge ergaben. Ein Haufen von Lesesteinen und großformatigen Ziegeln deutet an, dass hier in der Vergangenheit Bauwerke gestanden haben. Noch heute führt ein flacher Abzweig vom Hauptweg an den Bergsporn heran, von dem ein weiter Blick über ca. 270 ° besteht. Auch nach dem 1292 erstmals urkundlich erwähnten Jesseritz, einem Sackgassendorf am gegenüberliegenden Berghang. Die Gemarkung Klostergut zum Heiligen Kreuz grenzt an diese Ortsflur an. Hier haben Freunde den Teilnehmern der Wanderung Kaffee und Kuchen bereitet. In dem bäuerlichen Gehöft soll früher das Meißner Landschwein gezüchtet worden sein. Von hier, gleich über den Berg mit einem 360° Umblick (an dieser Stelle befand sich einst der Rabenbaum), ist Seebschütz zu erreichen, der Ort, in dem Max Andrä, als Obstbauer und „Bodenforscher“ so große Bedeutung erlangte, denn auf den Äckern ringsum fand sich immer wieder frühgeschichtliches Fundmaterial. Sein Hof ist nicht mehr erhalten. Der alte Bauernweiler, der 1334 erstmalig namentlich erwähnt wird, ist allerdings in der Landschaft unverzichtbar. Er sicherte einst den Übergang über den Grutschenbach, welcher westlich davon in einem kleinen, romantischen Tal verläuft. Der Weg dorthin war früher gut ausgebaut. Auch hier finden wir wieder alte Bruchsteinmauern. Über die Furt setzend, wird es allerdings schwierig. Der noch in den Karten von vor hundert Jahren eingezeichnete Pfad entlang des Prödabaches durch die weite Tallage hin zu dem Dörfchen Pröda, ist nicht mehr vorhanden. Die nur wenige Steinwurfweiten entfernten Orte, haben seit der Einführung der modernen Landwirtschaft, die jeden Meter Wiese und jeden nicht unbedingt gebrauchten Feldweg überackert hat, keine Verbindung mehr. Mühevoll schlägt sich die Exkursion durch alte Streuobst-anlagen und Schilf, wechselt mehrfach das Ufer und gelangt schließlich,  durch eine Pferdekoppel noch einmal vom geraden Wege abgebracht, an den Ortsrand der Ortschaft. Pröda, als Bauernweiler mit zwei Vierseithöfen, macht einen vielversprechenden Eindruck. Aber auch hier fehlen junge Menschen,   die den weiteren Verfall von historischer Bausubstanz stoppen indem sie Gebäude mit neuen Nutzungsinhalten füllen.

Eine interessante Erkundung ging am zeitigen Nachmittag zu Ende. Erst bei der Rückfahrt nach Heilig Kreuz wurde  allen so richtig bewusst, welche Umwege die Menschen heute jeden Tag zurücklegen, um von Pröda nach Meißen zu gelangen.

Helge Landmann

26.03.2018