Rückblick – Frühlingsspaziergang auf Novalis Spuren anlässlich seines 247. Geburtstages am 2. Mai

Wer Romantik sucht, sollte die Natur nicht ausblenden und … auch wenn es abends zuvor Blitze regnet und Donnerschläge hagelt … den Morgen danach mit Freude erwarten. Aber auch dann kann es noch Waschküchenwetter geben und es bedarf etwas Mut, milde darüber hinweg zu sehen.

So geschehen am Sonnabend, den 27. April, als sich 15 Unentwegte vor dem Schloss Siebeneichen trafen, um einen Pfad einzuschlagen, den Novalis einst gegangen sein könnte, von Meißen über die Bockwener Delle und das Rehbocktal, vorbei am Batzdorfer Totenhäusel zum Schloss Scharfenberg .

Der Vater des sich „Novalis“ nennenden Friedrich von Hardenberg war Vormund von Dietrich von Miltitz, der mit fünf Jahren zum Halbwaisen geworden war. Von ähnlicher Geisteshaltung geprägt, begegneten sich Dietrich und Friedrich häufiger in ihren Leben. Eine für beide bewegende Zeit dürfte zwischen 1795 und 1800 angebrochen sein.

Dietrich kam damals mit seiner jungen englischen Frau Sarah Anna Constable nach Siebeneichen und entwickelte hier neben vielen anderen staats- und bildungsreformerische Konzepte. Er empfahl sich damit auch als Inspektor der Fürstlichen Landesschule Sankt Afra. Zusammen mit Sarah Anna begann er den von seinem Vorfahren Nickel von Miltitz als Landschaftspark der Renaissance angelegten Naturraum um das Schloss in einen Landschaftspark nach englischem Vorbild umzugestalten. Vielfältige Kontakte zu Künstlern und Denkern, Gartenbauern und Architekten bestimmten schon damals seinen Umgang.

Friedrich wurde ab 1796 Akzessist an der Lokalsalinendirektion in Weißenfels und besuchte ab 1797 die Bergakademie in Freiberg, um nach einem vormaligen Studium der Rechte an der Universität Jena nun umfangreiche Kenntnisse in Bergwerkskunde, Mathematik, Chemie und Naturlehre zu erwerben. Zusammen mit Friedrich Schlegel, der familiäre Wurzeln in Meißen hat, arbeitete er an einer „progressiven Universalpoesie“. Sie ersannen dabei das „romantische Fragment“ als geeignetste Form der künstlerischen Darstellung. Durch das „romantisieren und poetisieren der Natur“ sei es möglich, dass uns die Natur ganz berührt.

Es ist deshalb mehr als glaubhaft, dass Novalis mit seinem Freund Dietrich, die waldreiche Hanglage zwischen den beiden im miltitz‘schen Besitz befindlichen Schlössern Siebeneichen und Scharfenberg durchstreifte. Immer wieder war ihm bei solchen Ausflügen daran gelegen, das alle Gegensätze Verbindende zu erfassen. Aus einem höheren Bewusstsein könne – so seine Meinung – selbst das Entfernteste und Gegensätzlichste in seiner Sinnhaftigkeit erkannt werden.

Die auf Novalis Spuren Wandelnden versagten bei dieser Übung freilich schon auf der ersten Etappe. Ihnen erschloss sich nicht, warum der Freistaat eine Fortbildungseinrichtung für Lehrer im Schloss Siebeneichen in ein paar Jahren schließen soll, obgleich die Auslastung des Hauses schon heute gut ist und noch verbessert werden kann. Darüber hinaus wird es wohl kaum eine Anlage in Sachsen geben, die dem hohen Ethos Siebeneichens in Verbindung mit seiner frühromantischen Geschichte und der dort seit Jahrhunderten geleisteten humanistischen Bildungsarbeit nur annähernd entsprechen könnte.

Ein zweites Mal versagten die Adepten bei der Vorstellung, dass dereinst, nach dem Willen der Mehrheit des Meißner Stadtrates, eine Schneise für den LKW-Verkehr zwischen der S177 und der B6 durch die Bockwener Delle geschlagen werden könnte. Auch hier scheint der Gegensatz zwischen den Ansprüchen der Natur und eines wenig überlegt handelnden Menschen geradezu unüberbrückbar.

Am Batzdorfer Totenhäusel, welches sich heute auch Lusthäusel nennt, insistierte ein Kundiger noch einmal rechtzeitig, dass der „Kleine Tod“ sehr wohl etwas mit Lust zu tun hat und löste den im Raum stehenden Widerspruch augenzwinkernd.

Schließlich und endlich trat die Gruppe der standhaften Enthusiasten bei strahlendem Sonnenschein unterhalb des Scharfenberger Schachtberges aus dem Schatten des Waldes. Im Hof des Schlosses Scharfenberg, dem man die romantische Ader ihres Schlossherren anmerkt, fanden sie gastliche Aufnahme und die Bestätigung, dass Perfektion und Improvisation bei etwas Liebe sehr wohl zur Einheit gelangen können.

Man sollte diese Erkenntnis, wie jede Liebesgabe, sehr sorgsam hüten, sonst verpufft sie.Im konkreten Fall kündeten schon am Abend neue Donner davon, dass der Vorhang, der sich unerwartet ein wenig gehoben hatte, erneut gefallen war.

Helge Landmann